Klares Zeichen gegen Gewalt an Frauen
Spatenstich für den Neubau des Frauen- und Kinderschutzhauses

Sascha Luippold (LP&H-architekten)
Es war ein langer, steiniger Weg bis zum Spatenstich für den Neubau des Frauen- und Kinderschutzhauses im Landkreis Böblingen. Jetzt wird am Baugrundstück in Herrenberg sichtbar, dass gebaut wird, um bis Jahresende 2027 sichere Schutzplätze für von Gewalt betroffenen Frauen und deren Kindern bereitzustellen.
„Ohne die Beharrlichkeit der am Projekt Beteiligten und die Landesförderung als entscheidender Mosaikstein wären wir jetzt nicht in der Realisierungsphase für dieses wichtige Bauvorhaben“, betonte Landrat Roland Bernhard am 19. März 2026 in Herrenberg. Gemeinsam für einen besseren Gewaltschutz einzutreten, sei das Gebot der Stunde. Denn für Gewalt dürfe es keinen Platz geben, so der Kreischef. Gewaltschutz sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die staatliche Ebene aber besonders in der Pflicht zu handeln, um auf Gewaltfreiheit hinzuwirken. „Gut, dass wir da auf das Land bauen konnten“, so der Landrat. Er freue sich, dass Manfred Lucha, MdL, Minister für Soziales, Gesundheit und Integration nach Herrenberg gekommen sei, um gemeinsam den Spatenstich für dieses wichtige Projekt durchzuführen.
Sozialminister Manfred Lucha betonte in seinem Grußwort: „Der Landkreis Böblingen setzt mit diesem innovativen Frauen- und Kinderschutzhaus ein klares Zeichen: Er macht Gewalt gegen Frauen sichtbar und leistet einen wesentlichen Beitrag zum bedarfsgerechten Ausbau des Gewaltschutzsystems in Baden-Württemberg.
Ich freue mich sehr, dass wir als Land dieses Vorhaben mit 3,8 Millionen Euro unterstützen können. Gewalt gegen Frauen ist kein privates Problem. Wir dürfen nicht wegsehen, sondern müssen entschlossen handeln.
Mit dem neuen Gewalthilfegesetz wird nun erstmals ein Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt und auf Beratung gesetzlich verankert. Gewaltschutz gelingt nur gemeinsam mit engagierten Kommunen, Fachkräften und einer Gesellschaft, die nicht schweigt. Vor diesem Hintergrund bin ich dem Landkreis Böblingen für sein Engagement in diesem Bereich sehr dankbar.“
Rückenwind bekam der Landkreis Böblingen als Bauherr auch von der Stadt Herrenberg, die für den Neubau des Frauen- und Kinderschutzhauses das Grundstück in der Benzstraße im Rahmen eines 99-jährigen Erbbaurechts zur Verfügung stellt. Oberbürgermeister Nico Reith hob in seinem Grußwort hervor: „Hier entsteht ein Ort, an dem Frauen Schutz finden, an dem Kinder ihre Gewalterfahrungen verarbeiten können, und an dem Menschen neue Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben entwickeln. Diese wichtige Aufgabe betrifft nicht eine einzelne Institution – es ist unsere gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.“
Ohne das städtische Grundstück wäre es schwierig geworden, den kreispolitischen Willen nach einer sicheren Schutzeinrichtung für Frauen und Kinder zu verwirklichen, berichtete der Landrat. Schon länger sei der Landkreis auf der Suche nach einer geeigneten Liegenschaft gewesen, aber unter den Bestandsimmobilien, die seinerzeit am Markt angeboten wurden, sei nichts Passendes dabei gewesen. Fast 30 Jahre lang, von 1981 bis September 2011, gab es in Sindelfingen ein autonomes Frauenhaus in Trägerschaft des Vereins „Frauen helfen Frauen e.V. Kreis Böblingen“. Es war eines der ersten Frauenhäuser in Baden-Württemberg. Der Trägerverein stellte dessen Betrieb seinerzeit aus wirtschaftlichen Gründen ein. Er ist Träger von thamar – Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt (seit 1992) und von AMILA – Beratungsstelle bei Häuslicher Gewalt (seit 2013) und dem gemeinsamen Notruf (seit 1993) mit breitem ehrenamtlichem Engagement. Viel Erfahrungswissen, Kompetenz und Netzwerkstrukturen, die in die Kooperation mit dem Waldhaus Sozialpädagogische Einrichtungen der Jugendhilfe gGmbH zielführend einfließen.
Das Waldhaus übernimmt im Auftrag des Landkreises den künftigen Betrieb des Frauen- und Kinderschutzhauses. Umgesetzt werden soll dabei ein ganzheitliches, innovatives Konzept, das Schutz und Prävention gewährleistet. Geschäftsführer Philipp Löffler beschreibt das Ineinandergreifen ambulanter und stationären Strukturen so: „Mit dem „Sicheren Frauen- und Kinderschutzhaus“ am Standort in Herrenberg, mit einer modernen Konzeption und offener Adresse, schaffen wir für Frauen und Müttern mit Kindern einen sicheren Ort. Dieser Ort sichert den Frauen in der Zusammenarbeit im professionellen Netzwerk mit der ambulanten Beratung im Vorlauf und Nachgang einen nachhaltigen Gewaltschutz.“
Kernstück in diesem Konzept ist das Frauen- und Kinderschutzhaus mit entsprechenden Sicherheitsstandards. Es wird Ende 2027 seinen Betrieb aufnehmen und Platz für bis zu 25 Personen bieten. Hier werden gewaltbetroffene Frauen mit ihren Kindern Schutz finden und durch Fachkräfte intensiv betreut und bedarfsgerecht unterstützt. Durch die familienfreundliche Appartementstruktur können auch Frauen mit älteren Söhnen aufgenommen werden. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für die Frauen und deren Kinder ist durch den innovativen „Open House – Ansatz“ möglich.
In Ergänzung zum Frauen- und Kinderschutzhaus wird es als integralen Bestandteil des Betreiberkonzepts für stärker gefährdete Frauen mittelfristig anonyme Schutzwohnungen geben, die hohe Anforderungen an die Sicherheit erfüllen müssen. Auch sog. „Second-Stage-Angebote“, also Übergangswohnen im Anschluss an den Frauenhausaufenthalt, sind konzeptionell mit entsprechender fachlicher Nachsorge vorgesehen. Module, die aufeinander aufbauen und ineinandergreifen und schrittweise umgesetzt werden, heißt es von den Kooperationspartnern.
Besonderer Dank gelte dem Land als Fördergeldgeber und dem Kreistag für das klare Bekenntnis zum Frauen- und Kinderschutzhaus, betonte Landrat Bernhard. Alle entscheidenden Beschlüsse in den Kreistagsgremien seien einstimmig gefallen. Der Grundsatzbeschluss erfolgte im Mai 2021 vor dem Hintergrund des damaligen Bundesinvestitionsprogramms. Zweieinhalb Jahre lang versuchte der Landkreis eine Bundesförderung zu erhalten, zog im November 2023 die Förderanfrage an den Bund mit Blick auf das auslaufende Förderprogramm zurück und stellte im Frühjahr 2024 einen Antrag auf Landesförderung, der im November 2024 in einen antragsgemäßen Zuwendungsbescheid über 3,8 Millionen Euro mündete. Im Dezember 2024 stimmte der Kreistag in nichtöffentlicher Sitzung auf dieser Basis einstimmig für den Neubau, im Juli 2025 wurde die Vergabe an den Generalunternehmer, die Firma Heim Infrastrukturbau GmbH aus Göppingen, beschlossen. Der Eigenbetrieb Gebäudemanagement des Landkreises Böblingen beziffert die Gesamtprojektkosten auf rund 6,6 Millionen Euro. Das Budget umfasst die Aufwendungen an den Generalunternehmer in Höhe von rd. 5,3 Millionen Euro für den Bau des Hauses sowie die im Vorfeld erbrachten Planungsleistungen, Kosten für die Erstellung von Gutachten und die Durchführung des Vergabeverfahrens.
In Herrenberg entsteht ein barrierefreies, dreigeschossiges Gebäude in Holz-Hybrid-Bauweise mit hoher Energieeffizienz, eine Wärmepumpe in Kombination mit einer Photovoltaikanlage sind vorgesehen. Konzipiert sind 16 flexible Wohneinheiten in Appartementstruktur, darunter acht Einzelzimmer, drei Ein-Zimmer-Appartements, vier Zwei-Zimmer-Appartements, ein Drei-Zimmer-Appartement sowie Gemeinschafts-, Beratungs- und Technikräume. Seit Januar 2026 ist die Baustelle eingerichtet, erste Aktivitäten sind erfolgt, so dass der Bauzeitenplan eingehalten werden kann. Die Fertigstellung des Rohbaus sei für das dritte Quartal 2026 vorgesehen, das Bauvorhaben solle bis Ende 2027 eingeweiht sein, heißt es vom Eigenbetrieb Gebäudemanagement.
Im Hilfesystem in Baden-Württemberg ist derzeit viel Dynamik drin. Auf Landesebene werden die entsprechenden Analysen und Entwicklungsplanungen zur Umsetzung des Gewalthilfegesetzes durchgeführt. Es sichert den gewaltbetroffenen Frauen und deren Kindern ab 2032 einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung zu. Verlässliche Hilfsangebote, die einen schnellen, unbürokratischen, wohnortnahen Zugang für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder ermöglichen, sind für die Zielerreichung nach dem Gewalthilfegesetz grundlegend. Im Landkreis Böblingen wird mit dem Frauen- und Kinderschutzhaus bald eine schmerzliche Lücke im Hilfesystem geschlossen sein.




