Leitkuh Lucy fühlt sich wohl im Wald
Die Waldweide im Herrenberger Stadtwald etabliert eine historische Nutzungsform
Die Waldweide im Herrenberger Stadtwald, in der Nähe des Wanderparkplatz Mönchberger Sattel, ist seit 2019 ein gelungenes Beweidungs- und Artenschutzprojekt und ein freizeittouristisches Ausflugsziel. Damals begann man auf einer rd. 6 Hektar großen Fläche, eine kleine Herde Kühe im Wald weiden zu lassen – eine Nutzungsform, die über Jahrhunderte hinweg im Schönbuch üblich war. Den Tieren steht mittlerweile eine Fläche von rd. 8 Hektar zur Verfügung. Sie bleiben den Sommer über dort und gestalten durch die Beweidung einen lichten Wald, der so auch zum Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten wird, die auf diese besonderen Strukturen angewiesen sind.
Im nunmehr 8. Beweidungsjahr gibt es eine Sommerfrischlerin, die nicht nur optisch heraussticht: Das weiße Gallowayrind Lucy verbringt seit 2020 jeden Sommer im Wald und ist damit fast von Anfang an mit dabei. Mit dabei hat sie in diesem Jahr ein „Adoptivkalb“, nachdem sie ihr eigenes bei der Geburt leider verloren hatte. Das Besondere daran ist, dass es sich bei dem Kalb um eine andere Rasse handelt. Der Mutterliebe tut dies aber offensichtlich keinen Abbruch.
Außerdem ist eine weitere Kuh, ein Belted Galloway, samt eigenem Kalb mit dabei. Karl Seeger von der Schloßberg-Rind GbR, denen die Rinder gehören, muss flexibel auf die Witterung reagieren. „In diesem Jahr, durch die lange Trockenheit, reicht das Nahrungsangebot im Wald nur für die vier Tiere. In anderen Jahren waren schon fünf oder sechs Rinder auf der Weide.“ Das Wetter und natürliche Nahrungsangebot entscheidet auch darüber, wie lang die Tiere vor Ort bleiben.
Die Galloways sind vierbeinige Landschaftspfleger, die die Waldweide überhaupt erst möglich machen. Sie sind robust und ganzjährig im Freien. Studenten und Naturinteressierte nutzen die Waldweide regelmäßig für Exkursionen, andere freuen sich einfach so über die ungewöhnlichen Waldbewohner. An der Waldweide ist ein Besuchersteg mit Sitzgelegenheiten installiert, von dem man einen schönen Blick hat. Der Weg vom Mönchberger Sattel dorthin ist nur rd. 1,5 Kilometer weit und barrierearm, der Infosteg und die Plattform selbst barrierefrei. Damit ist die Waldweide ein Ziel, das für viele erreichbar ist.
Karl Seeger ist ein Fan. „Das Ganze funktioniert“, sagt er. „Die Waldweide ist ein repräsentatives Projekt für den Naturschutz und die Landwirtschaft.“ In Sachen Biodiversität ist ihr Erfolg nachweisbar: Regelmäßig werden dort wissenschaftliche Arbeiten durchgeführt. So wurde im vergangenen Jahr herausgefunden, dass der Große Kolbenwasserkäfer, der in Deutschland größte vorkommende Wasserkäfer, in den Tränkteichen der Waldweide eine Heimat gefunden hat. Auch der in Deutschland größte an Land lebende Käfer, der Hirschkäfer, wurde dort bereits nachgewiesen. In einer weiteren Arbeit ist belegt, dass die Anzahl der Pflanzenarten durch die Beweidung der Fläche angestiegen ist. Alles dank Lucy, den Anderen, und ihren hungrigen Mäulern.
Die Herrenberger Waldweide ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Herrenberg und der Forstbehörde im Landratsamt Böblingen. Nähere Infos unter www.herrenberg.de/waldweide, www.schlossberg-rind.de, oder zum Spazierweg zur Waldweide unter unter www.schoenbuch-heckengaeu.de, Stichwort Erleben / Wandern (Land.Tour 9).



