Schäden durch Erdwärmesonden in Böblingen

Der lange Weg vom Entstehen der Schäden über das Ende der Hebungen bis hin zur Schadensregulierung und Unterstützung der Betroffenen

Landrat Roland Bernhard: „Erdhebungen waren eine der großen Herausforderungen der letzten Jahre“

Anlässlich der letzten Sitzung des alten Kreistagsgremiums ging der Blick noch einmal zurück auf eine der großen Herausforderungen der Amtszeit. „Plötzlich auftretende Erdhebungen in Böblingen stellten Sie als gewählte Volksvertreter vor ungeahnte Aufgaben“, so Landrat Roland Bernhard im Rahmen der letzten Sitzung des scheidenden Kreistags. Einige Jahre zuvor, zwischen 2006 und 2008, wurden im nordöstlichen Stadtgebiet Böblingens im Auftrag privater Bauherren insgesamt 17 Erdwärmesondenbohrungen (EWS) ausgeführt. Bei allen Bohrungen misslang dabei die Abdichtung der Ringräume, weshalb entlang der Bohrlöcher das Grundwasser in darunterliegendes quellfähiges Gebirge eindringen konnte. In der Folge kam es zu zunehmenden Geländeverformungen, die ihrerseits zu Schäden an Gebäuden und Infrastruktur führten. Die Verformungen sind auf das sogenannte „Gipskeuperquellen“ zurückzuführen. So nennt man den Vorgang, der aus der Umwandlung von Anhydrit in Gips unter gleichzeitiger Volumenzunahme nach Wasserzutritt resultiert und der zu Hebungen an der Geländeoberfläche führt.

Im Stadtgebiet von Böblingen zeigen sich in einem nördlichen und einem südlichen Hebungsbereich insgesamt drei betroffene Gebiete: Im Norden rund um zwei EWS in der Siemensstraße und im Süden ein Gebiet mit acht EWS in der Heinrich-Heine-Straße sowie ein weiteres mit sieben EWS im Schliffkopfweg. Aufgrund vermehrter Schadensmeldungen an Häusern, die beim Amt für Wasserwirtschaft im Landratsamt Böblingen in den Jahren 2012 und 2013 eingingen, wurden die fraglichen 17 EWS intensiv untersucht und die Sanierungsbedürftigkeit aller Sonden festgestellt. Mit den Sanierungsarbeiten wurde im Oktober 2014 in der Siemensstraße begonnen. Gemeinsam mit der Firma Keller Grundbau Renchingen, die bereits in Staufen i.Br. beim dortigen EWS–Schadensfall erfolgreich war, gelang bis Ende 2015 die erfolgreiche Abdichtung von insgesamt 13 Bohrlöchern. Die Sanierung der letzten vier Sonden im Schliffkopfweg gestaltete sich schwierig. Durch die Umwandlung der Zementanteile in der Ringraumabdichtung unter bestimmten Randbedingungen entstand dort das Mineral Thaumasit - eine pastöse Masse, die schwer aus dem Ringraum auszuspülen war. Die Sanierungsarbeiten mussten unterbrochen werden, bis ein neues Verfahren entwickelt wurde, um diese Masse entfernen zu können. Erst im August 2017 konnten diese letzten vier Sonden ebenfalls erfolgreich abgedichtet werden. Der Erfolg zeigt sich darin, dass die Hebungsgeschwindigkeiten nach jeder erfolgreichen Abdichtung signifikant zurückgingen, bis sie sich aktuell in allen Bereichen den natürlichen Bodenbewegungen angeglichen haben.

Die Erkenntnisse aus den Untersuchungen, Sanierungen und aus dem Rückgang der Hebungsbewegungen hat das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) in zwei Sachstandsberichten für den nördlichen und den südlichen Hebungsbereich in Böblingen zusammengetragen. Darin ist die Ursächlichkeit der EWS für die Erdhebungen klar benannt. „Eine zweite wichtige Erkenntnis ist, dass es sich im Süden nicht um ein, sondern um zwei sich überlagernde Hebungsgebiete handelt, was wir schon immer vermutet haben.“, so Landrat Bernhard. Beides sind wichtige Grundlagen für die Regulierung der Schäden. Denn pro Schadensfall stehen grundsätzlich 5 Millionen Euro Deckungssumme aus der Versicherung zur Verfügung. „Geht man nun also im Süden von zwei Gebieten aus, so ergibt sich seitens der Versicherung für den Norden eine Schadensregulierungssumme in Höhe von 5 Mio Euro und für den Süden das Ganze sogar mal zwei, also 10 Mio Euro“, so die Hoffnung Bernhards.

Die Allianz AG wurde als Ergebnis eines Schiedsgutachtens als Verantwortliche von drei in Frage kommenden Versicherungen bestimmt. Nachdem die Kausalität der Hebungen mit den schadhaften EWS bestätigt war und die Hebungsbewegungen zurückgegangen waren, hat die Allianz mit der Begutachtung der Schäden begonnen - zunächst im nördlichen, mittlerweile auch im südlichen Bereich. Für den Norden liegt ein erster Vorschlag zur Schadensregulierung vor. Die Kosten für die Behebung der Schäden liegen demnach bei 7,8 Millionen Euro. Das übersteigt die Deckungssumme um 2,8 Mio Euro. „Ich habe Verständnis für die Betroffenen, die ohne eigenes Verschulden in diese Lage geraten sind“, so Bernhard. „Es ist nicht zufriedenstellend, wenn die Schäden nicht vollständig reguliert werden.“

Bernhard hat sich deshalb beim Land für einen Rangrücktritt der öffentlichen Hand zu Gunsten der Geschädigten Dritten eingesetzt. Zusammen mit der Stadt Böblingen und der Bodenseewasserversorgung ist dies für den nördlichen Hebungsbereich bereits gelungen. Auch was die Sanierung der Bohrlöcher angeht, die immerhin rd. 7,5 Mio Euro an Kosten bedeutet hat, verzichtet das Land Baden-Württemberg auf die Initiative des Böblinger Landrats hin darauf, auf die Versicherung zuzugehen. Damit steht die volle Deckungssumme für die Regulierung der Schäden privater Dritter zur Verfügung. „Das ist schon ein erster Erfolg, den wir im Sinne der Betroffenen erreichen konnten“, so der Landrat. „Ich bin optimistisch, dass wir das so auch für den Süden hinbekommen.“ Man werde sich in Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft Erdhebungen Böblingen (IGE) zudem weiter dafür einsetzen, dass die Kosten zur Behebung aller Schäden möglichst umfänglich erstattet werden. „Das bleibt auch für das neue Gremium eine große Herausforderung“, so Roland Bernhard.

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