Gesundheitsamt an Leistungsgrenze angelangt

Bundeswehr unterstützt im Kontaktpersonenmanagement

Landrat Roland Bernhard: „Fahren Sie Ihre Kontakte herunter! Und halten Sie die Quarantäneanordnungen ein!“

Die Situation im Landkreis Böblingen unterscheidet sich nicht von anderen Landkreisen – auch hier steigt die Zahl der infizierten Personen. Das Dashboard des Landkreises zeigt heute einen Zuwachs von 64 auf insgesamt 476 Fälle; der Inzidenzwert ist auf 72 gestiegen. Wer sich jetzt überlegt, zu wie vielen Menschen jede/r dieser Neuinfizierten zuletzt Kontakt hatte, bekommt einen kleinen Eindruck dessen, was zur Nachverfolgung von Infektionsketten bzw. dazu, dass sich solche Infektionsketten eben nicht fortsetzen, geleistet werden muss.

Ab kommenden Montag, 26.10., unterstützen 30 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, vom Bundeswehr-Dienstleistungszentrum Stetten am kalten Markt, das Gesundheitsamt. Sie sind im Kontaktpersonenmanagement, der Nachverfolgung von Infektionsketten eingesetzt und helfen mit, die primären Kontakte einer infizierten Person zu informieren, was zu tun ist.

Landrat Roland Bernhard hatte sich zuletzt schriftlich mit der Bitte um Unterstützung durch die Bundeswehr an das Regierungspräsidium gewandt. „Ich begrüße es sehr, dass diese Unterstützung so schnell geleistet werden kann“, so Bernhard. „Es ist absolut unerlässlich, dass wir bei den Kontaktpersonen den Überblick behalten. Das ist ein entscheidender Baustein, um dem Anstieg der Fallzahlen zu begegnen.“

Eine weitere Folge der steigenden Fallzahlen ist, dass die Testkapazitäten knapp werden. Künftig werden bei Ausbrüchen in Schulklassen oder Kitas nur noch die Schülerinnen und Schüler getestet, die unmittelbar in Kontakt waren oder in der Folge Symptome zeigen. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei den Testungen ganzer Klassen oder Gruppen wenige weitere positive Fälle auftreten“, erklärt Dr. Anna Leher, Leiterin des Böblinger Gesundheitsamts. „Bei allen, die näheren Kontakt hatten, wird die Quarantäne angeordnet und ein Test gemacht, zudem natürlich bei allen, die Symptome zeigen oder als besonders vulnerabel einzustufen sind. Damit gehen wir zielgerichteter vor.“ Denn das muss entsprechend nicht eine ganze Klasse betreffen. Ähnlich wird auch andernorts verfahren. Eine Untersuchung des Landesgesundheitsamts hatte das Ergebnis gebracht, dass sich Schülerinnen und Schüler meist nicht in der Schule oder Kita, sondern in der Freizeit oder im Familienverbund anstecken. Aktuell sind landkreisweit 19 Schulen mit insgesamt 30 Klassen betroffen. Was Kitas angeht, so ist aktuell eine Kita komplett geschlossen.

Schulleitungen schicken Klassen, in denen ein Fall aufgetreten ist, zügig vorsorglich nach Hause. Die formale Anordnung der Quarantäne erfolgt ggf. dann vom jeweils zuständigen Rathaus. „Manchmal kommt der Bescheid aus dem Rathaus schneller als der von uns“, so Dr. Leher. Natürlich gilt dann eine ausgesprochene Quarantäne. Im Landkreis Böblingen wird diese mit 14 Tagen ab Kontakt mit der infizierten Person ausgesprochen. Und: Ein negativer Test verkürzt diese Quarantäne nicht! Die 14 Tage müssen dennoch eingehalten werden. „Diese Frage wird uns sehr häufig gestellt“, weiß Dr. Leher.

Die Eltern eines Kontaktkindes müssen in keinem Fall in Quarantäne, da Kontaktpersonen von Kontaktpersonen nur ein geringes Ansteckungsrisiko haben. Mit den gestiegenen Fallzahlen steigt natürlich auch die Zahl der Kontaktpersonen. Die Anrufe sind sehr aufwändig und dauern bis zu einer Stunde. Wenn man all das bedenkt, wird klar, warum Zeit verstreichen kann, bis sich die Behörde meldet.

Wer sich medizinischen Rat holen möchte oder ohne Aufforderung des Gesundheitsamts auf einem Test besteht, soll sich an die/den jeweiligen Hausarzt/ärztin wenden. „Wir müssen es schaffen, uns darauf zu konzentrieren, das Ausbruchsgeschehen weiter unter Kontrolle halten zu können. Dazu müssen wir Anfragen und Nachfragen auch vermehrt an die Kolleginnen und Kollegen der Ärzteschaft außerhalb des Gesundheitsamts umleiten“, wirbt Dr. Leher um Verständnis. In der Behörde sei man in erster Linie dafür zuständig, den Kontakt mit infizierten Personen zu halten bzw. deren weitere Kontakte entsprechend zu informieren. „Im Zweifel sollte man auch geduldig sein und warten, bis wir uns melden – und in jedem Fall seine Kontakte freiwillig reduzieren.“

Hier finden sich hilfreiche Informationen und Links (https://www.lrabb.de/start/Aktuelles/coronavirus.html). Auch auf der Seite des Landes werden viele Fragen beantwortet.

Das Böblinger Gesundheitsamt wurde zuletzt auch durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus anderen Bereichen verstärkt. Auch diese sind im Kontaktpersonenmanagement oder in der Hotline eingesetzt. Ab nächster Woche kommen die Soldatinnen und Soldaten hinzu. Auch die Kommunen unterstützen künftig verstärkt bei der Nachverfolgung der Kontaktpersonen. „Wir müssen unsere Kontakte herunterfahren“, appelliert Landrat Bernhard. Wenn man vergleiche, wie viele Personen eine infizierte Person im Frühjahr angegeben habe und wie viele das jetzt meist sind, dann seien die Unterschiede eklatant. „Nicht alles, was die Vorschriften aktuell noch zulassen, muss man auch ausreizen. Je vernünftiger wir uns jetzt verhalten, desto weniger die Einschnitte, die seitens der Gesetzgebung erlassen werden müssen.“

(Erstellt am 23. Oktober 2020)

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