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Ein besonderes Geschenk aus dem Kreisarchiv

Geschichten der Soldaten und Familien aus der Zeit des Ersten Weltkriegs

Als es gegen Ende 1917, im dritten Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs, auf Weihnachten zuging, gab es für die Soldaten im Feld keinerlei Zweifel mehr: Auch dieses Jahr werden sie das Fest wieder fern der Heimat verbringen.

Die Schicksale vieler Soldaten und Familien zur Zeit des Ersten Weltkrieges werden im über 600-seitigen Buch der Kreisarchivarin Dr. Helga Hager dokumentiert. Die reich bebilderte Publikation bietet einen außergewöhnlichen Einblick in die Zeit und das Leben der Menschen im Landkreis Böblingen.

Der Kriegsweihnachtsbaum ist reich geschmückt:
Otto Sostmann (l.) mit seinen Kameraden in Russland


Ob an der Front oder im rückwärtigen Raum – stets besorgten sich die Soldaten einen Weihnachtsbaum, den sie mit allerlei skurrilen Gegenständen schmückten; so dienten scharfe Infanteriepatronen als Ersatz für Glaskugeln. Eine Andacht mit dem Feldpfarrer und ein „festliches“ Abendessen im Kreise der Kameraden gehörten ebenfalls dazu. Und wenn dann noch von der gegnerischen Seite „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in französischer Sprache über die karge, zerschossene und stacheldrahtbewehrte Landschaft herüberklang, dann war der Krieg für einen Moment lang außer Kraft gesetzt.
 
Gerade am Heiligabend richteten sich die Gefühle und Sehnsüchte der Soldaten in besonderer Weise zur Heimat und Familie. So schreibt der Herrenberger Geschäftsmann Wilhelm Niethammer am 24.12.1917 aus Frankreich an seine Ehefrau Mathilde und seine beiden Kinder: „Meine Gedanken sind bei Euch, Ihr Lieben, und so nehme ich auch an Eurer Weihnachtsfreude teil. Mögen wir im kommenden Jahr Weihnachten wieder zusammen feiern dürfen, das ist auch heute wieder mein innigstes Weihnachtsgebet.“
 
Sein Wunsch sollte tatsächlich in Erfüllung gehen. Der Böblinger Feldwebel Otto Sostmann feierte Weihnachten mehrere Male an der Ostfront – im tiefen Schnee und bei bitterer Kälte. Doch gelegentlich bot „auf dem Vormarsch“ durch Russland eine Bauernstube mit großem, gemauertem Ofen einen warmen Platz: „Wir holten uns Stroh in die große Stube, zwei recht hübsche Töchter kamen allmählich von dem großen Ofen herunter und fegten ohne Aufforderung die Stube sauber. Der alte ‚Panje‘ [Bauer] tischte sogar Brot und Käse auf.“
 
Viele weitere Geschichten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges werden im Buch der Kreisarchivarin beschrieben. Das Werk ist für 29 Euro an der Infotheke im Landratsamt erhältlich oder beim Kreisarchiv (h.hager@lrabb.de, Telefon 07031/663-1902) bestellbar.

Wilhelm Niethammer mit Ehefrau Mathilde und den
Kindern Hilde und Willi.

(Erstellt am 05. Dezember 2017)